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Das Chaos trägt einen Namen

oder:

Wie die Abendrealschule Düsseldorf in die Taufe stieg

von Cornelie Schmitz-Junghans und Jürgen Schmitz-Thielmann

hermann harryAm 2. Juli 2001 feierte die Schülerschaft und das Kollegium der Abendrealschule Düsseldorf mit vielen geladenen Gästen ihr lange vorbereitetes Namensgebungsfest.

Nach einem ausgiebigen Prozess der Entscheidungsfindung wählte die Schulgemeinde der Abendrealschule den Düsseldorfer Satiriker und Chaos-Berichterstatter Hermann Harry Schmitz zu ihrem Namensgeber. Also! Wer war H.H.S.?

Hermann Schmitz – sein zweiter selbstgewählter Vorname „Harry“ drückt seine Verehrung für Heinrich, privat Harry, Heine aus – lebte von 1880 bis 1913, nicht lange, aber intensiv.

Mittelmäßiger Schüler, phantasiebegabt, lernunwillig, kränkelnd. Hin- und hergerissen zwischen der zarten, sanften, musischen Mutter und dem mit der Trillerpfeife militärische Disziplin und Leistung fordernden Vater. Die geliebte Mutter oft krank, vier Geschwister starben früh. Versagensängste!

Da war das Erfinden von verrückten Katastrophengeschichten und der Rückzug in Krankheiten die einzig mögliche Rebellion des jungen Hermann gegen seine bedrückende familiäre Umwelt. Ein lauter offener Widerstand wie heute war damals undenkbar. Die Autorität des Vaters unumgehbar und unüberwindlich. Also hat er sich durchgewurstelt, schlecht und recht.

Mit 19 Jahren unter der Knute des Vaters schließlich seine Einjährigen-Freiwilligen-Prüfung gemacht - später Mittlere Reife, heute „Mittlerer Schulabschluss“ genannt - und nebenbei immer fleißig Katastrophengeschichten erdichtet und seine Freunde damit unterhalten und belustigt. Schreiben löste Panik bei ihm aus, aber Erzählen, den freien Fluss der Einfälle und Gedanken heraussprudeln zu lassen und zu immer groteskeren und schaurigeren Pointen zu steigern, das brachte er zur Perfektion. So wurde er bald der beliebteste Alleinunterhalter der - von ihm bespöttelten - bürgerlichen Düsseldorfer.

Hermann schaffte also seinen Schulabschluss, aber damit hatte das Elend noch kein Ende. Einen richtigen Brotberuf sollte er erlernen, vielleicht sogar mal Fabrikdirektor werden, wie sein Vater, und so ging er murrend in dessen Büro und hielt ganze zehn Jahre lang brav und fleißig durch. Von seiner Leidenschaft, aus banalen Ereignissen des Lebens schaurig-komische Katastrophen zusammenzudichten, ließ er natürlich nicht ab, sondern gestaltete damit seine freie Zeit, die für ihn fruchtbarste und kostbarste Zeit. In der besten Düsseldorfer Gesellschaft trat er auf, elegant gekleidet trug er seine Geschichten vor, wurde beklatscht, gefeiert und - entdeckt. Wöchentlich musste er nun für die den Generalanzeiger, Düsseldorfs damals wichtigste Zeitung, schreiben. Dies fiel ihm schwer, war aber auch gleich wieder Stoff für eine neue Groteske. Innerhalb kurzer Zeit war er weit über Düsseldorfs Grenzen hinaus bekannt und seine Geschichten wurden von verschiedenen Verlagen in Buchform herausgebracht. Den Bürojob konnte er nun endgültig an den Nagel hängen, nun war er Hermann Harry der Literat und Poet. Leider war und blieb H.H.S. nicht gesund. Lungenkrankheit, Blindarmentzündung, Nervenschmerzen, Gürtelrose - all dies auch immer wieder Themen seiner Spott- und Schauergeschichten, mit denen er sich in ironische Distanz zu seinem eigenen beklagenswerten Zustand kalauerte und vorübergehend seine Leiden dadurch auch besser ertrug. Er hat 's jedoch nicht überlebt. Auf dem Höhepunkt seines Erfolgs, aber dem Tiefstand seiner körperlichen und dadurch auch seelischen Verfassung setze er seinem Leben ein Ende.

Viele krumme Wege ist er gegangen, die ja bekanntlich die spannenderen sind und hat dennoch nie sein Ziel dabei aus dem Auge verloren. Ist das nicht auch ein Bild, das zur verwinkelten und kurvenreichen Schullaufbahn und Lebenswirklichkeit unserer Schülerschaft passt? Dieser auch bei den Düsseldorfer Bildungsbürgern in Vergessenheit geratene Lokalsatiriker spukte bald durch alle Köpfe. Nicht nur Lehr- sondern alle Lernkörper beschäftigten sich also mit ihm im Unterricht, ohne recht zu wissen, wer auf sie zukam. Er ist einer von ihnen, der wie sie maulend und murrend Aufgaben bis zur letzten Minute ausweicht, sich lieber in Geselligkeit flüchtet, dort glänzt mit Witz und Originalität und sich schließlich doch noch durchbeißt.

So kam es in der Schulkonferenz am 18. September 2000 zu einer großartigen Abstimmung für H.H.S. Ihr folgte nach den üblichen bürokratischen Hindernissen auch das Plazet des Rates der Stadt Düsseldorf zur Namenswahl. Das für den Sommer ankündigte Tauffest erschloss ungeahnte Quellen von Kreativität und Originalität, verursachte Chaos- und Panikzustände bis hin zur physischen Erschöpfung aller Aktivisten und Aktionisten und steuerte auf einen glanzvollen Höhepunkt des Schullebens unserer alt- und ehrwürdigen Abendrealschule zu.

Zur unvergesslichen Feier am 2. Juli 2001, die in H.H.S.’ Sinne pünktlich um 17.42 Uhr begann, versammelten sich im PZ des Schulgebäudes an der Rückertstraße Hermann Harrys Neffe, der 82jährige pensionierte Realschulrektor Hermann Quast mit Ehefrau; illustre Prominenz aus dem Düsseldorfer Kulturleben; Lehrkörper ähnlicher Provenienz von nah und fern sowie die ausnahmslos verschmitzte Düsseldorfer Schulgemeinde. Der Festakt nahm seinen programmatischen Lauf und fand auch nach über zwei Stunden noch kein Ende.

Die wahren Highlights des katastrophilen Abends waren:

  • die fulminante Rede der Schulleiterin, im Programm als „die wahre Chef-Choateuse“ angekündigt;
  • die vom Erfolgsrausch ihrer Interpreten beflügelten musikalischen Schüler-Intermezzi;
  • die hochprofessionelle Darbietung der leibseelischen Reinkarnation unseres Hermann Harry durch den Kölner Schauspieler Frank Meyer;
  • das fernsehreife Video einer Schülergruppe über eine Forschungsreise in die Wissenbrache der Düsseldorfer um ihren Hermann Harry;
  • die zur Hochform aufgelaufenen Jugendlichen, die mit geröteten Wangen und beherzter Coolness Geschichten vortrugen und die Moritat von Toni Bender dramatisierten;
  • die stimm- und wortgewaltigen Einlagen des Schmitz-und-Schmitz-Duos der Hermann-Harry-Schmitz-Societät, die frei nach Hermann Harry so manche Anspielung auf die Animosität zwischen der Landeshauptstadt und der (un)geliebten Nachbarstadt am Rhein ins Mikrophon donnerten;
  • und nicht zuletzt die vierköpfige „Doppelkopf“-Band mit frivolen, erbaulichen und verschmitzen Liedern.

Trotz fortgeschrittenen Erschöpfungsgrades toste der Applaus als sich nach dreistündigem Festakt das ermattete Publikum zum opulenten Büffet schleppte. Die Schlacht um Besteck und Geschirr endete unter der Zuhilfenahme von Fingern und anderen schultypischen Werkzeugen. Im Grauen des Morgens fand schließlich ein Tauffest sein Ende, an dem trotz verloren gegangener Zylinder, Brillen und Schuhe, gewiss auch wegen des kreativ fröhlichen Durch- und Miteinanders unser Pate Hermann Harry seine helle Freude gehabt hätte.

 


Zur weiteren Vertiefung gibt es bei uns immer wieder mal eine von Hermann Harrys Katastrophengeschichten.

 

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